Fribourg, je t'aime!

Tschaggatschaggatschaggtschagga, Klatschen, clapclapclap ganz schnell bis uns die Finger wehtun; wie Verrückte, und die Beine wirbeln lassen. In dem kleinen schwitzigen Raum da unten; im Dunkeln klatschen wir und lachen. Das ist gut so.

Um die Stadt einzufangen, braucht es mehr als ein Tag. Mehr als die zwei drei Stunden meines ersten Tages, an dem ich die Altstadt nur von oben sah und das Neokonservative Beton-Universitätsgebäude ehrfürchtig bestaunte. Es braucht auch mehr als ein Semester, es braucht die Wochen und Monate und einzelnen Tage mit den guten und den schlechten Erfahrungen; es braucht den Regen und den Schnee und den Schneeregen und die Kälte und die Herbstblätter und – schliesslich, endlich! den Frühling mit den weissblühenden Kastanienbäumen an der Saane und der Wärme, die alles aus den Häusern treibt. Es braucht die unzähligen Stunden des Lesens; auch in der Sonne und schliesslich die lauen und regnerischen Nächte; verbracht in allerlei Friesischem und WG-Küchen, zeichnend, Filme schauend, diskutierend über Danthe, Aristoteles, Latein, x-Funktionen, das Ende der Welt und vor allem – viel Sinnlosem. Es braucht die Musik und die Konzerte, „um das Wir-Gefühl zu konstruieren“ und die Freiheit, Unabhängigkeit in dieser Stadt.
Vielleicht braucht es noch viel mehr, was sich erst in den Jahren entwickelt, um die Stadt in all ihren Facetten einzufangen, doch das, das alles und die vielen kleinen Details der Freundschaft und Mensa-Menus mitsamt Gesprächen und Kugelschreiber und Notizen und Staubsauger und Kirchenglocken und Schlafproblemen und die kleinen Peinlichkeiten und Entdeckungen – all das reicht um die Stadt zu lieben.

So wie der Schwan im Pérolles-See. Nennen wir ihn Ferdinand. Ferdinand ging es einst gut, er tanzte Walzer mit einer Schwanendame namens Emma, die Verlobte des Wassers, walzte mit ihr über den See und durch das Schilfgras und erfreute sich mit ihr der Chansons der Laubsänger und der Zilpzalps und der Enten, die abends einen kleinen Rundflug über den Place Petit St.Jean machten. Ferdinand und Emma, sie mochten sich, doch die kleinen Schwanenkinder, sie kamen nicht, den Emma ging viel zu früh. Pirouettendrehend verschluckte die Strömung der Staumauer die sonst doch gar nicht depressive Emma und sie färbte den ganzen grünen Pérolles-See rot und das Wasser wurde plötzlich ganz braun. Als Ferdinand die Trauer schliesslich endlich begreifen, fassen konnte, war das Wasser wieder grün. Und Ferdinand breitete seine weissen Flügel aus, flog mit den Enten ihren Abendflug über den Place Petit St.Jean, weinend. Doch er folgte ihnen nicht mehr zurück in den See, er liess sich nieder zu Füssen der nicht ganz so gewaltigen Staumauer und schaukelte dort. Immer in der Hoffnung, seine Emma möge vielleicht – eines Tages, ganz wundersam – wieder aus der Staumauer auftauchen, vielleicht aus dem Fischlift torkeln, etwas verwirrt, aber mit weissem Gefieder.
Doch Emma torkelte nicht aus dem Fischlift – bis heute. Und so dreht Ferdinand seine abendlichen Runden auf dem Fluss, vorbei an dem lieblichen Ufer der Motta und weiter durch die Altstadt, auf der Jagd nach fliegenden Fischen, die er seit Emmas Verschwinden nur noch frisst.
(Mais oui, c’est un autre secret de la ville de Fribourg – il y a des poissons volants dans la Sarine.)

Heimgehen vom Klatschen muss man ganz ruhig, flüsternd. Il y a des personnes qui veulent dormir, tu sais. Die Polizei ist dann doch meistens da, irgendwann, lächelnd nur um der Form willen. Nur damit wir oben an der Strasse weiterflüstern können, am berühmten und gar nicht so glamourösen Boulevard de Pérolles – Tu parles trop!

Tschaggatschaggatschaggatschagga. Es ist laut und stinkt und wir schwitzen und das ist gut so. Nur so und mit der Musik lässt sich die Stadt endgültig geniessen. Das ist gut so.


(Fribourg, mon amour: http://youtube.com/watch?v=H9DwbmHp3OI)
19.5.08 09:28


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